
ZenPuls 07/2026 – Bericht von Silvia Livio
Was heisst für mich Mitgefühl? Bei wem fällt es mir schwer, Mitgefühl zu empfinden? Oder wo im Körper spüre ich es? Friederike Boissevain fordert uns auf, Fragen wie diese spontan zu beantworten. Beim Austausch in der Gruppe zeigt sich, wie vielfältig gefärbt Mitgefühl sein kann – je nachdem, auf wen es in welcher Situation ausgerichtet ist. So üben wir, unterschiedlichste Perspektiven einzunehmen, und vertiefen damit das, worüber uns zuvor die beiden Gäste des Zen-Forums vom 7. Juli 2026 zum Thema Fürsorge berichteten. Die beiden Referierenden, das Ärztepaar Friederike Juen Boissevain (Zen-Meisterin und Philosophin) sowie Harald Nanzan Schöcklmann (Zen-Meister), sind Dharma-Nachfolger von Hozan Alan Senauke in der Linie von Shunryu Suzuki Roshi. Ihre Präsenz und ihr ungewöhnlicher Werdegang haben mich zutiefst beeindruckt, ganz besonders Friederikes Aussage: „Fürsorge ist nichts, was wir auch noch tun müssen, sie ist in uns, ist unsere Muttersprache“. (Danke!) Und jedes Mal, wenn im Zusammenhang mit Mitgefühl bei mir Unbehagen auftaucht, das mich am Handeln hindert, werde ich an Harald denken.
ZenPuls 07/2026 – News Zen-Linie, Kathrin Stotz
Inmitten der Rosenblüte haben wir Sensei bei einem zweitägigen Treffen das erfreuliche Wachstum unseres Zendo-Netzwerks betrachtet und nach einer aufrichtigen inneren Erkundung unseren Wunsch nach fortdauernder Gemeinschaft und gegenseitiger Unterstützung bekräftigt. Kurz nachdem unser Stammhaus seine Türen geschlossen hatte, zogen sich unsere Rōshi aus der Aktivität zurück. Die Lücke ruft uns zu vertiefter Selbständigkeit, wir stehen in einem frischen Wind und spüren das Gewicht der Verantwortung für die Zukunft der Zen-Linie.
Im Zusammensein haben wir erfahren, wie sich die anstehenden Themen im Austausch gestalten, wie die gemeinsamen Wurzeln uns tragen und unser Zen-Verständnis färben – nicht monochrom, sondern als reicher Farbklang.
Neben der Klärung angemessener Werbung und interner Organisation hat uns die gewünschte grössere Freiheit in der Art und Weise des Lehrens beschäftigt. Ein wichtiges Anliegen ist uns auch die Sangha: ihre Stärkung in den kleinen Zentren und in der Linie als Ganzem. So schauen wir freudig voraus auf ein Maha-Sangha-Treffen im Beisein aller Lehrenden im Herbst 2027.

v.l.n.r. Peter Widmer, Jürgen Lembke, Roland Frick, Jürg Heldstab, Ursula Popp, Roland Hischier, Klaus-Peter Wichmann, Kathrin StotzBericht von Ursula Popp
Vor zwei Wochen durfte ich zum ersten Mal am jährlichen Treffen der White Plum Asanga teilnehmen, von der ich ein Teil bin. Der beeindruckende Anlass mit über vierzig Zen-Lehrenden fand im wunderbaren, weitläufigen Zen River Tempel in Uithuizen in Holland statt. Der internationale Austausch hat mich angeregt und beflügelt. Die Rezitationen fielen besonders toll aus: über vierzig Personen mit kräftigen Stimmen, welche die meisten Sutra auswendig konnten und die verschiedensten Instrumente spielten, liessen unsere Körper vibrieren und lachen.
Das Treffen war der Erinnerung an Taizan Maezumi Roshi gewidmet. Beeindruckt haben mich die Erzählungen, wie Maezumi sein Leben ausschliesslich der Weitergabe der Lehre von Buddha gewidmet hat. Der Kontakt mit ihm muss elektrifizierend und motivierend gewesen sein. Natürlich wurden auch seine dunklen Seiten besprochen, die zur Folge hatten, dass die White Plum Asanga ganz besonders auf ethisches Verhalten der Lehrenden achtet. Tenzei Copper Roshi und seine Frau Myoho Gabrisch, die Gründer und Leiter des Zen River Tempels, sind der Lehre ebenso verpflichtet. Sie vertiefen und ergänzen sie mit Fröhlichkeit, Gastfreundschaft und mit ihren musikalischen Talenten, was ich schön und erfrischend fand.
Bernie Glassman, der unserer Linie den Namen gegeben hat, hat ebenfalls Transmission von Maezumi Roshi erhalten. Seine Haltung des «nicht wissen – Anteil nehmen – heilende Handlung» ist mir besonders wichtig. Diesen Ansatz durfte ich auch am Treffen erfahren. Da ich so lange in Amerika gewohnt und gewirkt habe, bin ich immer besonders dankbar, mich mit Menschen von dort austauschen zu können.


Bericht Klaus-Peter Wichmann
Am 30. Mai 2026 lud Klaus-Peter Wichmann zur öffentlichen Ernennungsfeier in die Propstei Wislikofen ein. Er hat 2025 von Dieter Wartenweiler Roshi die Dharma-Transmission und die Zen-Lehrbefugnis als Sensei erhalten. Sein Dharma-Name ist Seisen – „Ruhiger Fluss“. Die Feier fand in der alten Sakristei der Propstei statt, einem würdigen Kirchenraum, der an diesem sommerlich warmen Tag angenehm kühl blieb. Die Propstei Wislikofen, eingebettet in die ländliche Landschaft, bot einen stimmigen Rahmen für diesen besonderen Anlass. Nach dem traditionellen Einzug der Zelebrant*innen folgten die Begrüssung, Rezitationen und die zeremonielle Bestätigung der Transmission durch Dieter Wartenweiler Roshi. Der mit einer roten Decke geschmückte Altar erinnerte an den Vorgang der Geburt; dazu gehörte auch die Übergabe der fünf Gaben an den neuen Zen-Lehrer. Ein Musikstück leitete zum Apéro im Garten der Propstei über. Bei schönstem Wetter entstanden viele Begegnungen, lebhafte Gespräche und ein spürbarer Ausdruck von Verbundenheit.

URSULA POPP
Zen und Atem in der Propstei Wislikofen, 14. bis 19. Nov. 2026
ROLAND HISCHIER
Sesshin im Hotel Ofenhorn, Binn, 18. bis 22. Okt. 2026
JÜRG HELDSTAB
Sesshin im Berghotel Sterna, Feldis, 23. bis 27. Nov. 2026
Alle Kurse

Juni 2026 - Bericht Kathrin Stotz
Im Zen-Forum Zürich beginnt im Juli 2026 das dritte Kursjahr mit dem Thema "Handeln aus dem Augenblick – kommt das gut? Ethik und Menschenbild des Zen". In allen ausgeschriebenen Foren hat es noch freie Plätze. Wir freuen uns, wenn ihr die Gelegenheit nutzt und an den Angeboten teilnehmt.
Nach den Kursen mit zwei spannenden Gastreferenten im Oktober und November 2026 wird das Forum pausieren. Es ist der Idee entsprungen, nach der Schliessung des Lassalle-Hauses eine Brücke zu bilden, bis die einzelnen Sensei in ihren Zendo ein eigenständiges Kurswesen eingerichtet haben, allenfalls auch mit einem Angebot für ihre lokale Sangha, sich auszutauschen und Neues zu erfahren. Über die drei Jahre werden wir 22 Foren initiiert und organisiert haben, was eine grosse Freude war und ist, auch weil viel Begeisterung und Interesse von Seiten der Sangha spürbar ist.

Juni 2026
Zwei Jahre bemühten wir uns um den Erhalt der Rechte am Buch Mumonkan – Die torlose Schranke mit den Kommentaren von Yamada Koun Roshi. Das Lehrmittel ist vergriffen und für unsere Zen-Linie wichtig, wir wollten es deshalb selber neu auflegen – ein Anliegen, das beim Verlag in lange Warteschlaufen gekommen und schliesslich versandet ist. Nun ist der Klassiker erfreulicherweise im Kösel Verlag neu aufgelegt worden und im Buchhandel erhältlich. Es gibt verschiedene andere Mumonkan-Ausgaben mit Kommentaren, etwa von Doris Zölls oder Sabine Hübner. Jedoch wird das Buch mit den Teishos von Yamada Koun, bei dem sich Pia Gyger und Niklaus Brantschen schulten, von den Weggehenden immer noch in den Dokusan-Raum getragen und nach dem Lösen der Koan mit Interesse gelesen.

Hinweis im ZenPuls 05/2026 von Jürg Heldstab
Im Dokusan versuchen wir immer von Neuem, ES mit Worten zu beschreiben, irgendwie zu fassen, zu verstehen – und jeder Versuch scheitert, ja muss scheitern. Buddha hat bei den grossen Fragen geschwiegen. Auch Laotse würde schweigen, aber immerhin hat er einmal geschrieben: «Seisch DO, verschwindets.» (DO steht für Tao.) So steht es jedenfalls in der Mundart-Übersetzung des Tao Te King von Balts Nill. Sein sinniges Büchlein «vo wäge DO» ist bereits in der 3. Auflage im LOKWORT-Verlag, Bern, erschienen. Während der Text in zahlreichen Übersetzungen unergründlich dunkel bleibt, zeigt er in der Mundartfassung erstaunliche Kanten. Vers 4 – nochmals über das Tao – lautet: «DO / es läärs gfäss / für alls, wo / nid isch / u glych würkts / dür alles u jedes / kei ahnig / – himel – / vo wo».
Das Tao ist jedenfalls nicht etwas von den Dingen Getrenntes, sondern eher das Unsichtbare, das alles bewegt. Auch die 80 übrigen Verse von Laotse kommen in der Übersetzung von Balts Nill mit wenigen Worten zum Kern.

Bericht von Kathrin Stotz – Mai 2026
Wie unsere eigene Linie hat die Zen-Linie "Leere Wolke" ihre ältesten Wurzeln in der Lehre Yamada Koun Roshis – Willigis Jäger und Niklaus Brantschen sassen in der Koan-Schulung im gleichen Zendo in Kamakura, Japan. Als freundlich willkommen geheissener Gast am Kenshukai, dem fünftägigen jährlichen Lehrenden-Treffen am Benediktushof, konnte ich wertvolle Beobachtungen machen dazu, wie sich die Linie neu positioniert und weiterentwickelt hat.
In einem mehrjährigen Prozess haben die fünf Meister*innen auf der Grundlage der ältesten Lehrreden Buddhas und der chinesischen Ursprungstexte des Chan Thesen erarbeitet, wie der Kern des Zen benannt werden kann, und sie nach Überarbeitung durch die Lehrenden-Sangha zur Basis des Lehrens erklärt. Die Linie ist seit einem Jahr mit demokratischen Strukturen unterwegs: Neben der spirituellen Leitung durch die Zenmeister*innen wurden ein Linien-Rat, ein Organisationsteam und fünf Arbeitsgruppen gegründet, in denen alle Lehrenden die Thesen des ersten Bandes auf Alltagsthemen beziehen und in Zoom-Meetings gemeinsam in einen Raum des Fragens und Forschens eintreten.
Nicht wenige Lehrende sind durch die Schulung bei Willigis Jäger mit einem christlich geprägten Zen unterwegs, manche haben sich nie in buddhistische Texte vertieft. Dies führte in der Lehrenden-Sangha zu Auseinandersetzungen, wie Zen denn nun zu verstehen sei, wenn man die fernöstliche Überlieferung tiefer anschaut und würdigt. Was passiert, wenn die Ursprungstexte neu entdeckt und studiert werden? Nicht alle Lehrenden wollten sich dem öffnen, eine grössere Gruppe hat opponiert und sich aus der Linie zurückgezogen.
Für mich war es eine schöne Herausforderung und Bereicherung, das Gefäss der eigenen Linie zu verlassen und mich in der nachbarlichen Sangha auf viele Begegnungen, spannende Gespräche und ein genaues Zuhören einzulassen.

Tee-Zeremonie im Zen-Forum, mit Mulan Sun Buschor – April 2026
Auf der kleinen Theaterbühne erschien an diesem Abend ein bezaubernder Teeraum, dessen Zubehör Mulan Sun Buschor aus ihrer Winterthurer Tee-Schule Kōshin-an (向心庵) nach Zürich mitgebracht hatte. Die Teemeisterin, Zen-Meditierende und Architektin liess uns in der japanischen Teezeremonie Zen im Alltag sinnlich und spirituell erleben.
Mulan wurde unterstützt von ihrem Tee-Kollegen Nico Colic, der selber auf diesem spirituellen Weg unterwegs ist. Gast und Gastgeberin liessen uns am harmonisch fliessenden zeremoniellen Zusammenwirken teilnehmen. So wurde "Chan (Zen) und Tee in einer Einheit" für die Zuschauenden mit allen Sinnen wahrnehmbar. Die Hingabe an die vorgegebenen Abläufe, Gesten und Rituale befreit von Selbstbezüglichkeit, sie führt zu einer Selbstvergessenheit, die auch den Kern des Zen ausmacht.
In vier Kreisen wurden wir anschliessend alle zu Gast und Gastgeber*in, indem wir einander Tee zubereiteten, zum Verkosten des feinen japanischen Gebäcks einluden, das Mulan kreiiert hat, und in den Genuss von Speise und Trank kamen. Der Zusammenhang zwischen Zen und Tee wurde von Mulan gegen Ende des Forums in einem Vortrag angedeutet, der unser Interesse für die Grundlagen des Zusammenlebens im Sinne des Chado (Teewegs) zu wecken vermochte.

Bericht im ZenPuls 04/2026 von Christian Dillo
Ich habe bei Meister Dōgen gelesen: «Was ist der wunderbare, klare und helle Geist? Er ist Berge, Flüsse und Erde, Sonne, Mond und Sterne.» Wie sollen wir das verstehen? Vielleicht sollten wir zunächst fragen: Wo ist der Geist? Die meisten von uns finden als Antwort etwas hinter den Augen oder zwischen den Ohren – einen Innenraum, in dem Gedanken auftauchen und sich Worte bilden. Privat, eingegrenzt, vage mit dem Gehirn gleichgesetzt. Das fühlt sich so selbstverständlich an, dass es kaum als Sichtweise auffällt. Es ist einfach so. Scheinbar. Aber es lohnt sich, ins unmittelbare Erleben zu gehen und genauer hinzuspüren.
Fangen wir mit dem Atem an – nicht als Entspannungstechnik, sondern als Horizonterweiterung. Richte deine Aufmerksamkeit auf die Empfindungen des Ein- und Ausatmens: auf das Zwerchfell, das sich nach unten senkt, auf den sich weitenden Bauch und Brustkorb, auf die Pause, in der sich die Fülle ins Ausatmen und Loslassen verwandelt. Diese Aufmerksamkeit kann spürend durch den gesamten Körper reisen – bis in die Finger, bis in die Zehen. Was findet sich da? Eine Art Lebendigkeit, ein Summen, eine Wärme. Etwas ist unbestreitbar anwesend. Und wo ist das? Das, was sich der Lebendigkeit in deinem linken Fuss gewahr ist, sitzt nicht im Kopf. Es ist dort, wo die Empfindung ist. Jetzt die Sinne. Bemerke im stillen Sitzen das gesamte Sehfeld – nicht nur ein fokussiertes Objekt, sondern alles auf einmal, bis zu den peripheren Rändern. Lass den Klang hinzukommen: das gesamte Feld der Geräusche, den Klang der Stille inklusive. Ebenso den Geruch und die Empfindungen der Haut: ein Luftzug, das Gewicht des Körpers auf der Unterlage. Jedes dieser Sinnesfelder fügt unserer Erfahrung seine eigenen Pinselstriche hinzu – ein Gemälde im Entstehen, unvollendet und vollständig in jedem Moment. Wo ist jetzt der Geist?
Körperempfindungen, Sinneseindrücke und Gedanken erscheinen in etwas, das keine definierten Grenzen hat und niemandem gehört. Das ist kein Verlust. Es ist eine enorme Weitung. Wenn Dōgen sagt, der Geist sei «Berge, Flüsse und Erde, Sonne, Mond und Sterne», spricht er nicht metaphorisch. Er zeigt auf genau das, was du gerade erkundet hast.

Hinweis im ZenPuls 04/2026 von Kevin Hill
In erster Linie begegne ich der Welt als Autodidakt – sowohl in meinem Berufsleben als auch im Umgang mit Alltagsproblemen und besonders in meiner kreativen Arbeit, der Malerei. Es ist definitiv nicht der einfachste Weg, vor allem, was das Lernen betrifft. Doch meinen eigenen Weg zu finden führt – so empfinde ich es – zu einem stabileren Ergebnis. Ähnlich ist es mit meinem Zugang zu den Meditationssitzungen. Die Meditation über Zoom ermöglicht es mir, eine für mich passende Sitzweise zu finden und meine Haltung auf eine leicht unorthodoxe, aber für mich angenehmere Weise anzupassen. Obwohl es sich um eine «Gemeinschaftssitzung» handelt, kann ich zum Beispiel gelegentlich eine etwas lautere Atemübung einbauen, ohne das Gefühl zu haben, jemanden zu stören. Ausserdem lege ich meine Hände lieber getrennt auf die Beine, mit aneinandergelegten Daumen und Zeigefingern, anstatt die klassische Haltung einzunehmen. Ich meditiere jeden Morgen eine halbe Stunde, würde mich jedoch eingeschränkt fühlen, wenn ich dies immer zu einer festgelegten Zeit tun müsste – das entscheide ich lieber spontan. Dennoch halte ich es für sehr wichtig, die Disziplin der wöchentlichen Zoom-Sitzungen beizubehalten. Diese Routine der letzten Jahre hat meinen inneren Frieden deutlich gestärkt. Es gibt mehr als genug Sorgen, die Stress auslösen könnten, und dank der Unterstützung durch die Zoom-Meditationen gehe ich damit spürbar gelassener um.
Bericht von Kathrin Stotz – März 2026
Unser fünftes Sesshin in der Casa Civetta wurde unerwartet zu einem langen Sesshin: Ausgelöst durch die grosse Nachfrage konnten wir dem ersten Sesshin nahtlos ein zweites anfügen, wobei einige Meditierende beide Sesshin besuchten. Am vertrauten Ort, in der einnehmenden Naturlandschaft des Valle Maggia, erlebten wir nach kurzer Zeit schon eine dichte klösterliche Atmosphäre. Das Haus mit seiner jahrzehntelangen meditativen Tradition wird vom Leiterehepaar Züllig der Sangha jeweils vertrauensvoll übergeben – wir sind darin ganz für uns und somit in tiefer Stille. Die Küche ist neben dem Zendo der zweite Brennpunkt der Casa Civetta – der Bauch der Eule sozusagen, von der es seinen Namen "Civetta" hat. Samu nach den Mahlzeiten bildet hier einen wichtigen Teil des Zusammenlebens und der Meditation. Den äusseren Rahmen bildeten die freundlichen Energien des Gartens mit seinen Kamelienblüten, dem Moosboden und dem Frühlingsgesang der Vögel. Kein Zen-Krampf, sondern ein vertrauensvolles Gelöstsein, das manch innere Einsicht und Öffnung schenkte.

Erfahrungsbericht im ZenPuls 02/2026 von Christoph Müller
Am Ende der Ochsengeschichte wartet der Marktplatz. Ich betrat ihn während des verlängerten Zazenkais bei Peter Widmer in Basel. «Nehmt die Stadt als Übung», gibt er uns nach dem letzten Gongschlag mit auf den Weg. Als naiver Ochse bin ich mir nicht im Klaren über die Verhältnisse auf dem Claraplatz. Daher grosse Verwunderung, als mir dort Kokain angeboten wird. Dankend lehne ich ab und weise darauf hin, dass ich etwas anderes habe. «Was denn?» – «Zen.» – «Wo gibt’s denn das?» – «Dort drüben im Zendo», entgegne ich und gehe weiter. Um die Ecke: mein Self-Check-in-Hotel. Zwei Damen machen mir ein explizites Angebot – um meine Anhaftungen zu prüfen. «Danke, ich ziehe Zen vor.» – «Wirklich?» – Schwer zu sagen, denke ich, und gehe meines Weges. Der Marktplatz ist mein Tempel.
Am 5. Februar 2026 hat sich die Lehrenden-Sangha im Wettinger Rebberg Zendo zu einem intensiven Austausch getroffen. Die beiden Rōshi Niklaus Brantschen und Dieter Wartenweiler bekundeten dabei ihren Beschluss, die Führung der Zen-Linie den Sensei zu übergeben. Sie ziehen sich nach Jahren des tragenden Engagements altershalber aus der operativen Leitung und der spirituellen Prägung der Zen-Linie zurück. Die Ernennung von neuen Rōshi erfolgt gemäss der alten Zen-Tradition aber weiterhin durch den Zen-Meister nach eigenem Ermessen. Niklaus, dem Gründer der Zen-Linie (zusammen mit Pia Gyger) und Dieter, seinem Nachfolger, gilt unser grosser Dank für alles Vollbrachte und für die vertrauensvolle Weitergabe!
Nach dem Beschluss des Generationenwechsels haben die acht Sensei in einem konstruktiven Brainstorming Ideen für die Stärkung und Belebung der Linie gesammelt. So sind etwa ein Sangha-Treffen und eine Publikation zu Geschichte und Geist der Zen-Linie angedacht. Zwei weitere Treffen in diesem Jahr werden der Intervision, der Erneuerung der Koan-Schulung und der Lehrfreiheit, verbunden mit verbindlichen Grundzügen des Zen- und Lehrverständnisses dienen.

Impuls von Kathrin Stotz
Viele junge und nicht wenige ältere Menschen sinnen in diesen Zeiten des Umbruchs und der Unsicherheit über den Sinn des Lebens nach. Die Sinnfrage kann zur Basis werden, von der aus wir die spirituelle Dimension des Lebens erkunden, und Zen ist ein mögliches Zugangstor dafür. In der jahrhunderte alten Tradition der Sinn-Erfahrung, als die man Zen auch bezeichnen kann, werden die Suchenden stetig auf das "Sosein" verwiesen – in vielen Koan wird es vor Augen geführt: "Schau, es ist genau dies, genau hier, vor deinen Augen!" Sinn entsteht, wenn wir selbstvergessen eins sind mit dem vor Augen Liegenden, dem jetzt Sichtbaren, Hörbaren, Spürbaren, eins auch mit dem Menschen, der gerade vor uns steht. Die Flüchtigkeit aller Phänomene ist dabei kein Hindernis, sondern der Schlüssel zum innigen Kontakt, zum nahtlosen Zusammensein. Die Einladung ist, sich nicht zu abstrahieren, sich nicht fernzuhalten, das Misstrauen abzulegen. "Es ist lebendig, lebendig", ruft uns Zen-Meister Joshu zu. Überall, jederzeit, da du ja lebst!

In unseren Kurshäusern und Zendos bieten wir Zen-Einführungskurse unterschiedlicher Länge an. Längere Zen-Einführungen ermöglichen dir bereits beim Einsteigen tiefer gehende Erfahrungen des Sitzens. Je nach Wohnort und zeitlichen sowie finanziellen Ressourcen können dir auch die eintägigen Kurse oder die Kurzeinführungen in den Zendo einen guten Einstieg ins Zen bieten. In allen Kursen wirst du von den Zen-Lehrenden beraten, welche Folge-Kurse für dich passen, und welche Voraussetzungen für längere Kurse wir empfehlen.
Die Broschüre ZUGANG ZUM ZEN unterstützt mit Ausführungen zur Geschichte des Buddhismus, zum Schulungsweg und zur geistigen Ausrichtung der Zen-Linie einen guten Einstieg in die Praxis der Meditation.

Beitrag im ZenPuls 01/2026 von Roland Frick
Meister Dōgen (1200–1253), Begründer des Sōtō-Zen, zählt zu den grossen Stimmen der Religions- und Geistesgeschichte. Seine Schriften sind poetisch verdichtet, philosophisch präzise – für viele Leser*innen jedoch schwer zugänglich. Dieses Buch schliesst diese Lücke: Es führt fundiert in Dōgens Denken ein und erschliesst das Schlüsselkapitel «Genjōkōan» aus dem «Shōbōgenzō» Schritt für Schritt. Das «Genjōkōan» ist Gerüst und Essenz seines Werks und öffnet den Zugang zu einer Praxis, die verstanden und gelebt werden will. Zen-Meister Shōhaku Okumura, seit Jahrzehnten als Übersetzer und Lehrer tätig, bietet sowohl Anfänger*innen als auch Fortgeschrittenen klare Orientierung, feine Auslegung und praktische Anregungen. Eine Biografie Dōgens von Hee-Jin Kim ergänzt den historischen Kontext und vertieft das Verständnis.

Beitrag im ZenPuls 11/2025 von Ursula Popp
Die wichtigste Übung im Zen ist, wie wir alle wissen, das Sitzen, Zazen. Doch wie kann sich diese Übung im Alltag, im Handeln, zeigen? Meister Dōgen hat im 13. Jahrhundert unzählige detaillierte Angaben dazu gemacht. Ich vermute aber, dass diese von wenigen Zen-Schüler*innen studiert werden, auch weil sie für ein monastisches Leben bestimmt sind. So kommt immer wieder die Frage auf, wie sich diese Übung im Alltag zeigt und Wirkung hat. Nicole Baden Rōshi hat in ihrem Vortrag an der Zen-Tagung ein zeitgemässes Schema dafür vorgestellt: AWARE.
A für Aware: Setze einen Anker in deine präsente Aufmerksamkeit.
W für Willkommen: Heisse die Situation genau so willkommen, wie sie jetzt ist.
A für Aktivierung: Rufe deinen höchsten Wert* hervor, um danach das Handeln zu planen.
R für Release: Lass all deine eigenen Vorstellungen von einem Resultat los.
E für Entstehende Handlung, die aus dem Obigen spontan entsteht.
* Unter «höchstem Wert» wird verstanden, wie ich im Idealfall handeln würde.
Um sich mit dieser Übung vertraut zu machen, kann man dieses Schema auf vergangene Ereignisse anwenden, um es dann in aktuellen Situationen anzuwenden.
Rückschau
Vom 25. bis 28. September 2025 fand im Landguet Ried bei Bern die Zen-Tagung unserer Linie statt, die von zahlreichen Interessierten besucht wurde. Geleitet von Peter Widmer, Ursula Popp und Jürgen Lembke, bot die Zusammenkunft ein reiches Programm mit Vorträgen und Workshops und wurde umrahmt von der Musik der Flötistin Silvia Berchtold. Gert Scobel, Nicole Baden, Christian Dillo, Angela Geissler, Manfred Rosen, Almut-Barbara Renger und Thomas Metzinger erläuterten nach einem Grusswort von Niklaus Brantschen und dem Eröffnungsvortrag von Peter Widmer ihre Thesen zu "Zen und die Zukunft".
Den Link zu den Videos der Vorträge, die ihr erwerben könnt, und den fortlaufend publizierten Blog-Beiträgen von Peter Widmer findet ihr auf der Tagungs-Webseite.

Eröffnung Herbst 2025
In Schaffhausen hat ein neues Zendo seine Tore geöffnet, es trägt den Spiritus Loci im Namen: Ursula Popp leitet seit dem Herbst 2025 das Zendo am Rhy. Es bietet einer lokalen Sangha und Interessierten aus dem weiteren Umfeld mit einem breiten Angebot Raum für die stille Einkehr. Du kannst im Zendo am Dienstag Abend (19.30 bis 21.00 Uhr) und am Freitag Morgen (06.30 bis 07.30 Uhr) an der Zen-Meditation teilnehmen. Es werden auch eintägige Zazenkai und Zen-Einführungen angeboten. Die Webseite informiert dich zudem über die externen Kurse von Ursula Popp in der Propstei Wislikofen.
Bericht von Jürgen Lembke
Mitte September 2025 durfte ich im Alten Kurhaus Melchtal, wo ich früher wohnte, das lange September-Sesshin abhalten. Ursprünglich als Sonderformat im Programm des Lassalle-Hauses geplant, waren Teilnehmende eingeladen, entweder von Sonntag bis Sonntag oder am Donnerstag ein- oder auszusteigen. Obwohl ich unter der Leitung von Genro Gauntt Roshi dort schon manches Sesshin durchgeführt habe, war es etwas Besonderes, das Sesshin mit wenigen Modifikationen nach den Abläufen unserer Linie abzuhalten. Eine wichtige Neuerung war das gemeinsame Kinhin im Freien entlang der Melchaa, wo wir auch mal innehielten, um am Fuss eines Wasserfalls Zazen zu praktizieren. Dabei war ich mit den frühen Ch’an-Meistern verbunden, die in zahlreichen Tuschmalereien die Durchdringung von Absenz und Präsenz, Leere und Form wiederzugeben suchten.
Erfahrungsbericht von Nicole Zeiter

Bericht von Kathrin Stotz
Im Zendo Inneres Lind in Winterthur fanden am 21. September 2025 Interessierte zusammen, um an der ganztägigen Zen-Einführung teilzunehmen. In einem dichten Tagesprogramm wurden sie vertraut gemacht mit den Grundlagen des Zen-Buddhismus, dem Rahmen und den Angeboten der Zen-Linie, der Psychodynamik des Zen-Wegs und den Ritualen, Sutren und Abläufen, wie sie in unseren längeren Kursen gepflegt werden. Die neu ans Zen herangeführten Menschen werden nach dem Besuch des Einführungskurses in verschiedenen Zendo der Linie am Zazen unter der Woche teilnehmen. Sie haben auch die nötigen Voraussetzungen, um an Sesshin und Zazenkai mit dabei zu sein. Schön zu sehen war, dass alle Generationen sich begeistern lassen von Zen: junge Menschen in Ausbildung, die mittlere Generation, welche in Beruf und Familie gefordert ist, und die Generation am Übergang zur zweiten Lebenshälfte.

Rückschau
Am 20. September 2025 wurde das Zendo Balzers mit seinem Meditationsraum und dem Zen-Garten eingeweiht, Räumlichkeiten, welche in schöner Weise eine moderne Architektursprache mit der japanischen Tradition verbinden. Zugleich wurde die öffentliche Transmission von Roland Frick zum Zen-Lehrer vollzogen, geleitet von Dieter Wartenweiler Roshi. Bei schönstem Wetter fanden zahlreiche Gäste im und um das neue Zendo Raum. Wir wünschen der Sangha von Balzers ein inspiriertes Zazen und für die Zukunft mit Zazenkai und Sesshin einen dichten und innigen Zen-Weg, begleitet vom frisch autorisierten Sensei Roland Frick.

Beitrag im ZenPuls 08/2025 von Mulan Sun Buschor
In einem Zen-buddhistischen Tempelviertel in China bin ich bei meinen Grosseltern aufgewachsen. Jeden Morgen weckte mich der Gong des Dabei-Yuan-Tempels. Über unserem Teetisch hing eine Kalligrafie: Chan und Tee in einer Einheit. Ein einfaches Wort, doch seine Tiefe begann ich erst vier Jahrzehnte später wirklich zu begreifen. 2005 führte mich mein Weg in die Schweiz, zum Architekturstudium an der ETH Zürich. Ich stellte mir oft die Frage: Wozu baue ich? Wie kann materielle Architektur immaterielle, spirituelle Räume erschaffen? Durch die Gestaltung und Realisierung von Teeräumen fand ich erste Antworten. 2014 begann ich bei Soyu Mukai Sensei den japanischen Teeweg (Chado) zu lernen, und 2024 erhielt ich den Teemeistertitel der Urasenke-Schule sowie meinen Tee-Namen Sōbō. Heute unterrichte ich neben meinem Beruf als Architektin und Architekturdozentin auch die Teezeremonie. Doch meine Reise in der Einheit von Chan und Tee geht weiter. 2024 fand ich endlich den Ort, den ich lange gesucht hatte – nur 200 Meter von meinem Zuhause in Winterthur entfernt: bei Kathrin Stotz Sensei im Zendo Inneres Lind. Ich sitze wieder wie im Haus meiner Grosseltern, doch fühle mich wie neugeboren, rieche das Räucherstäbchen, höre den Gong, bete vor dem Buddha.
“Man fragt sich, ob es im Süden nicht schön sein kann, aber ich sage: Wo das Herz Frieden findet, da ist meine Heimat.” Chinesischer Dichter Su Shi (1037-1101)

Im November 2024 wurde im Lassalle-Haus der Ausklang von Dieter Wartenweilers Sesshin-Tätigkeit begangen. Mit dem stimmungsvollen Spiel der Shakuhachi-Flötistin Isabel Lerchmüller und einer Video-Collage von Kathrin Stotz sprachen wir ihm unseren grossen Dank aus für sein langjähriges und vielfältiges Engagement für das Zen im Lassalle-Haus und darüber hinaus: die Organisation und Leitung von Japanreisen, Zen-Konferenzen, Lehrenden- und Sangha-Treffen, die Ernennung neuer Lehrkräfte, die Redaktion des ZenPulses sowie eine eindrückliche Anzahl von Zen-Büchern. Von Niklaus Brantschen Rōshi wurde Dieter Wartenweiler 2010 als Sensei autorisiert und mit Inka Shomei 2018 zum Zen-Meister ernannt.

Im Lassalle-Haus fanden 2024 und 2022 ganztägige Assistenz-Trainings statt, die von zahlreichen geübten und interessierten Meditierenden besucht wurden. Mit ihrem grossen Engagement und ihrer Hingabe an die Zen-Haltung im Tun unterstützen sie die Sangha in allen Zen-Kursen ganz wesentlich.
